Die Geschichte von Thor
Vier Hunde kamen. Drei gingen. Thor blieb.
Thor war Koksi, bevor er Thor wurde. Er war einer von vier Hunden, über die Schlagzeilen geschrieben wurden, bevor jemand wusste, wer jeder Einzelne wirklich war. Seine Geschichte beginnt mit einem schweren Vorfall. Sie endet nicht dort.


Graz · Jänner 2023
Der Tag, nach dem nichts mehr war wie davor
Am 24. Jänner 2023 wurde eine damals 70-jährige Frau in ihrer Grazer Wohnung von Hunden ihres Enkels schwer verletzt. Sie erlitt schwere Biss- und Rissverletzungen an Armen, Schulter und Gesicht und musste im LKH Graz stundenlang notoperiert werden. Ihr Zustand war zunächst lebensbedrohlich.
Was diese Frau erlebt hat, gehört zu dieser Geschichte. Ihre Verletzungen werden durch alles, was später mit den Hunden geschah, nicht kleiner.
Die ersten Berichte sprachen davon, dass zumindest einer der Hunde angegriffen habe. In der späteren Gerichtsberichterstattung war von zwei Rüden die Rede. Aus den öffentlich zugänglichen Berichten lässt sich nicht ableiten, dass alle vier später übernommenen Hunde an der Attacke beteiligt waren.
Vier abgenommene Hunde bedeuten nicht automatisch vier Angreifer.
Was bekannt wurde
Eine kleine Wohnung. Zu viele Tiere. Zu wenig Leben.
Der damalige Halter war Diensthundeführer beim Bundesheer. Gerichtsberichte beschrieben eine ungefähr 65 bis 70 Quadratmeter große Wohnung, in der mehrere Hunde und Katzen lebten. Im Verfahren räumte der Halter ein, mit der Situation überfordert gewesen zu sein und die Tiere nicht artgerecht gehalten zu haben.
Zu Zahl, Alter und Herkunft der Jungtiere gibt es bis heute widersprüchliche Angaben. Deshalb wird hier keine lückenlose Wurfgeschichte behauptet. Sicher ist: Bei der behördlichen Intervention wurden vier Hunde als verwahrlost und abgemagert beschrieben. Ein Amtstierarzt veranlasste ihre Abnahme.
Erinnerung von Georg Resch
Die Polizei kam zurück, um nach ihnen zu sehen
Georg sprach später persönlich mit den einschreitenden Polizisten. Was er über den Einsatz wiedergibt, stammt aus seiner Erinnerung an diese Gespräche; er war in der Wohnung nicht selbst dabei.
Nach seiner Erinnerung blieben die Hunde nach dem Vorfall zunächst stundenlang in der Wohnung. Erst am Abend wurde ihre Abnahme veranlasst. Gemeinsam mit dem damaligen Besitzer kamen sie gegen 23 Uhr in das Tierheim Arche Noah.
Einige Wochen später besuchten die Polizisten die Hunde bei Georg. Ihr Interesse endete nicht mit dem Einsatz. Sie wollten sehen, wie es ihnen inzwischen ging.
Eine Verbindung
Jemand gab die vier nicht auf
Eine Mitarbeiterin von Tierschutz Austria erfuhr von dem Fall und begann, nach einer Lösung zu suchen. In ihrer Korrespondenz ging es bereits um eine mögliche Einschläferung und um die offene Frage, welcher Hund tatsächlich gebissen hatte.
Sie kannte Georgs Arbeit aus einem früheren Fall. Sie telefonierte, vermittelte und blieb hartnäckig, während noch niemand wusste, wohin mit vier Hunden, an die kaum jemand herandurfte.
Georg erklärte sich bereit, sie zu übernehmen. Eine Einschläferung war für ihn nicht die richtige Antwort.
Ohne ihren Einsatz würden diese vier Hunde nach Georgs Überzeugung heute nicht mehr leben.

Der Anfang
Haut, Knochen und Angst.
So sah Thor aus, als er zu Georg kam. Jede Rippe sichtbar, der Blick unsicher, der Maulkorb Pflicht.
Einen Monat später
Die Wandlung beginnt im Alltag.
Rund einen Monat nach der Abholung: Thor liegt ruhig im Restaurant, mitten zwischen Menschen, Geräuschen und fremden Reizen. Der Maulkorb ist noch Pflicht – aber das Durchhalten wird schon normal.

Sie haben sich in die Freiheit gebissen.
Georg Resch über vier Hunde, deren schwerster Tag zugleich der Anfang ihres neuen Lebens wurde.
1. Februar 2023
Vier Hunde, vier Fangstangen, eine letzte Chance
Nach ungefähr einer Woche im Tierheim holte Georg Odin, Freya, Frigg und Thor persönlich ab. Jeder Hund hatte einzeln gesessen. Nach Georgs damaligem Kenntnisstand waren sie ungefähr 14 Monate alt und hatten ihr bisheriges Leben fast vollständig in einer Wohnung verbracht.
Sie waren nicht stubenrein, stark abgemagert und litten unter massivem Durchfall. Ihr Fell war stumpf, ihre Krallen lang. Grundlegende Erfahrungen mit der Welt außerhalb dieser Wohnung fehlten ihnen.
Die Hunde wehrten Annäherung ab. Damit Übernahme und Transport sicher möglich waren, fixierte Georg jeden Hund mit einer Fangstange und legte ihm kontrolliert einen Maulkorb an. Ein Hundetrainer, eine Pflegerin und der zuständige Amtstierarzt waren dabei.
Nach zwei Tagen und eigener Beobachtung nahm Georg die Maulkörbe ab. Diese Entscheidung galt für diese vier Hunde in dieser Situation. Sie ist kein allgemeiner Rat für andere Fälle.
Sie haben sich in die Freiheit gebissen. Ohne diesen Tag hätten sie vieles, was danach kam, nie erlebt.
Versorgung statt Urteil
Am Anfang wogen sie kaum mehr als Gerippe
Bereits am ersten Tag begann die regelmäßige tierärztliche Betreuung. Ein später ausgestellter Bericht dokumentiert bei der ersten Untersuchung am 2. Februar 2023 Gewichte von ungefähr 17 bis 18 Kilogramm. Die Hunde waren unterernährt und ungepflegt, rochen nach Kot und Urin und wurden als ängstlich und unterwürfig beschrieben.
Sie wurden untersucht, geimpft und entwurmt. Parasiten wurden behandelt, Krallen gekürzt und die Darmflora unterstützt. Bei diesen Maßnahmen zeigten sie laut Bericht keine Aggression.
Nur einen Monat später lagen die dokumentierten Gewichte bereits bei ungefähr 23 bis 25 Kilogramm. Das Fell war gepflegt, glänzend und weich. Aus verängstigten, abgemagerten Hunden wurden freundliche, interessierte Tiere, die begannen, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden.
Die Verantwortung blieb
Ein Monat wurde bezahlt. Drei Jahre wurden daraus.
Die schriftliche Vereinbarung mit der Stadt Graz übertrug Georg die fachliche und wirtschaftliche Verantwortung für die vier Hunde. Die Stadt übernahm die Kosten für höchstens einen Monat. Die vorhandene Rechnung für Februar 2023 belief sich auf 3.200 Euro brutto.
Danach gingen die Hunde in Georgs Eigentum über. Er hätte sie nach eigener Aussage auch ohne diese Zahlung übernommen. Aus vier Wochen Finanzierung wurde eine Verantwortung, die bis heute andauert.
Schon kurz nach der Übernahme meldete sich trotz vereinbarter Vertraulichkeit eine Zeitung. Nach Rücksprache durfte Georg über die Hunde sprechen. Damit begann ein Teil jener Öffentlichkeit, die den Verein Teufels Hunde bis heute begleitet.
Drei Wege
Odin, Freya und Frigg fanden ihr Zuhause
Odin wurde nach Salzburg vermittelt. Er absolvierte Hundeprüfungen und begleitet seine Menschen beim Wandern und auf Skitouren.
Freya fand einen Platz bei einer damaligen Unterstützerin. Frigg zog zu einer Polizistin nach Niederösterreich, die sie besonders in der Nasenarbeit förderte.
Drei Hunde fanden Menschen, die bereit waren, sie nicht auf ihre Vorgeschichte zu reduzieren.
Der Vierte
Thor wartet noch immer
Thor blieb. Zwischendurch lebte er ungefähr drei Monate bei einer befreundeten Trainerin in Salzburg, die auf Assistenzhunde spezialisiert ist. Nach Georgs Erfahrung lief dort alles sehr gut; eine abgeschlossene Assistenzhundeausbildung hat Thor dadurch nicht.
Später lebte er ungefähr drei Monate bei einer Pflegefamilie in Deutschland. Dort gab es bereits eine Rottweilerhündin, und Thor sollte vielleicht dauerhaft bleiben. Als die Familie auseinanderbrach, musste auch Thor zurück. Der Grund lag nicht bei ihm.
Wieder ein Wechsel. Wieder eine Rückkehr. Wieder warten.
Gesucht sind sehr erfahrene Menschen, die sich ernsthaft mit Thor beschäftigen und bereit sind, ihn kennenzulernen. Ob ein Zusammenleben passt, wird nicht aus der Ferne versprochen. Es muss an Thor und an der tatsächlichen Lebenssituation geprüft werden.
Thor ist kein abgeschlossenes Kapitel. Solange er hier ist, bleibt auch die Verantwortung hier.
Offene Spuren
Vier Lebenswege kennen wir. Die ganze Vorgeschichte nicht.
In den Unterlagen stehen zunächst vier andere Namen: Puppi, Anubis, Koksi und Fee. Thor hieß damals Koksi. Zu diesen Namen gehören eindeutige Chipnummern; veröffentlicht werden bewusst nur die Endungen …175, …179, …177 und …172.
In demselben Nummernbereich liegen weitere Endungen. Das beweist weder Verwandtschaft noch, dass weitere Hunde aus diesem Wurf existieren. Chipnummern sind keine Wurfnummern und kein Abstammungsnachweis.
Die damaligen Berichte erwähnen jedoch mehr Welpen als die vier Hunde, die bei Georg ankamen. Anzahl und zeitliche Einordnung widersprechen sich. Deshalb bleiben Fragen: Wo sind die anderen erwähnten Welpen? Gibt es Fotos, Impfpässe, Verträge oder Nachrichten, die ihre Herkunft belegen? Wer kannte die Hunde vor dem Vorfall?
Hinweise können vertraulich gegeben werden. Bitte trennt dabei klar, was ihr selbst erlebt habt, von dem, was euch erzählt wurde. Vollständige Chipnummern, private Anschriften und Namen heutiger Halter gehören nicht in öffentliche Kommentare.
Vielleicht besitzt jemand längst das fehlende Puzzleteil – und weiß nur noch nicht, zu welcher Geschichte es gehört.
Thor heute
Vom Problemfall zum Partner.



Originalberichte
Drei Berichte. Eine Geschichte, die weitergeht.
Diese Zeitungsseiten dokumentieren die ersten Wochen nach der Übernahme. Sie bleiben als Originale sichtbar – mit dem damaligen Wissensstand und den Formulierungen der jeweiligen Redaktion.
01Kronen Zeitung · 3. Februar 2023
Nach Bissattacke: Tiere jetzt bei Profi
Der erste Bericht nach der Übernahme: vier junge Malinois, ein schwerer Vorfall und die Frage, wie es mit ihnen weitergehen kann.
Originalbericht öffnen
02Kronen Zeitung · 8. März 2023
Lasse nicht zu, dass Hunde eingeschläfert werden
Fünf Wochen später zeigt der Bericht Georg mit allen vier Hunden – und dokumentiert, wie schnell aus Distanz Vertrauen werden konnte.
Originalbericht öffnen
03Kronen Zeitung · 5. April 2023
Oststeirer gibt Problemhunden zweite Chance
Die große Reportage über Georgs Arbeit ordnet den Fall in sein tägliches Training mit Hunden ein, die andere längst aufgegeben hatten.
Originalbericht öffnen
